{"id":360,"date":"2012-09-20T14:21:33","date_gmt":"2012-09-20T12:21:33","guid":{"rendered":"http:\/\/beathis.ch\/parnassia\/?p=360"},"modified":"2013-04-10T19:36:39","modified_gmt":"2013-04-10T17:36:39","slug":"19-september-2012-kobugi-und-gutenberg-zum-x-ten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beathis.ch\/parnassia\/?p=360","title":{"rendered":"19. September 2012: Kobugi und Gutenberg zum x.ten"},"content":{"rendered":"<p>Heute war unser erster richtiger Arbeitstag. Schliesslich sind wir ja zum Arbeiten und nicht f\u00fcr Ferien und Plausch hier . . .<\/p>\n<p>Am Morgen konnten wir unseren Stand einrichten, was gestern noch nicht fertig gelang. Zwar kam immer noch kein Strom durchs Kabel (es liegt also nicht am auch noch immer fehlenden Steckeradapter), eine neue vollere Gasflasche kam auch noch nicht, der Bildschirm f\u00fcr unsere verschiedenen Videos wurde auf den Nachmittag versprochen. Aber sonst nimmt die Werkstatt langsam Gestalt an. Die Drucke auf der Handpresse gelangen langsam (die Schweizer Druck-Farbe hat am 98%-Luftfeuchtigkeit und sehr heissen Herbstklima nur bedingt Freude), aber zunehmend besser, das Blei im Kocher schmolz mit einiger Verz\u00f6gerung doch langsam, auch auf kleiner Flamme und dann kam auch noch die bestellte Vitrine f\u00fcr unseren sch\u00f6nen Bucheinb\u00e4nde. Eine tolle, klimasichere, abschliessbare Flachvitrine, dass wir wohl die vielen B\u00fccher nicht jede Nacht ausr\u00e4umen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und dann ging&#8217;s los: offenbar war die Festivaler\u00f6ffnung (die wievielte ?) geschehen, denn pl\u00f6tzlich st\u00fcrmten hunderte, wenn nicht eher tausende von Kindern und Jugendlichen das Tempelgel\u00e4nde und wurden von Werkstatt zu Werkstatt gef\u00fchrt. Europa, so schien uns, scheint auch da zu faszinieren. Der Reiz des Exotischen. Oder weil europ\u00e4ischer Druck so \u00fcberraschen schnell gelingt (im Gegensatz zu den asiatischen B\u00fcrstenabrieben. Der Renner war aber die Giessmatrize mit einer asiatischen Schildkr\u00f6te. Nun wissen auch wir, was Schildkr\u00f6te auf Koreanisch heisst. Kobugi. Kobugi, Kobugi, Kobugi, so schreien die Kindern wie wild. Kobugi ist das Symbol f\u00fcr langes kr\u00e4ftiges Leben. Und wenn man jemanden eine Kobugi schenkt, dann w\u00fcnscht man ihm sehr direkt und verbindlich langes Leben. Etwas sp\u00e4ter kam auch die Direktorin des Schnapsmuseums an den Stand, die wir am Vorabend kennengelernt hatten. Sie war derart ger\u00fchrt und bekam Tr\u00e4nen in den Augen, als wir ihr eine Kobugi = langes Leben schenkten. So anders sind die Kulturen. Zum Realsymbolismus sp\u00e4ter noch etwas mehr.<\/p>\n<p>So ging es bis Mittag &#8211; eine durchschnittliche F\u00fchrung dauert etwa f\u00fcnf Minuten und nicht dreissig, wie wir mal geplant haben. Und wehe, wir gaben einem Kind einen Druck oder eine Kobugi-Letter, dann war der Teufel los am Stand, weil dann alle eins wollten. Mussten wir schnell aufh\u00f6ren und nur noch der Lehrerin (Lehrer hatten wir nur einen einzigen gesehen) je ein Exemplar fur die ganze Klasse mitgeben.<\/p>\n<p>Am Mittag war&#8217;s dann pl\u00f6tzlich still und wir g\u00f6nnten uns eine Pause mit Nudelsuppe. Am Nachmittag ging&#8217;s dann \u00e4hmlich st\u00fcrmisch los, aber nicht mit Kindern, sondern mit Fernsehteams. MBC, KBS, BJc und wie  sie alle heissen. Die mediale Pr\u00e4senz ist unglaublich gross: auch da k\u00f6nnte sich Europa noch ein gewaltiges St\u00fcck abschneiden. Und die stellten Fragen. Was das Jikji-Buch f\u00fcr uns bedeute, war grad noch die einfachste.<\/p>\n<p>Und dann stand pl\u00f6tzlich Dr. Lee, der Oberkurator des Museums in unserem griechischen Tempel, mit einem deutschen Gutenberg-Buch unter dem Arm und begann uns zu lochen, wie denn nun genau die Beweislage sei, dass Gutenberg das ganze im Westen erfunden habe. Und dann begann er pl\u00f6tzlich, das Gutenberg-Portrait im Buch (immerhin 100 Jahre nach Gutenbergs Tod entstanden . . . ) mit einer Abbildung eines Giessers aus den Jost-Ammann-Holzschnitten von 1568 zu vergleichen. Der Giesser trug ein flaches Perret, w\u00e4hrend Gutenberg in der posthumen Darstellung eine (bergf\u00f6rmige: &#8218;Gutenberg&#8216;) M\u00fctze mit Pelzbesatz, wie sie damals im gehobenen B\u00fcrgertum Mode war, trug. Dr. Lee: in der Mongolei trage man solche M\u00fctzen, weshalb bewiesen sei, dass Gutenberg bei den Koreanern war und ihnen die Idee des Lettern-Giessens gestohlen habe. Frei nach Riccola: wer hat&#8217;s erfunden ? Nun, dagegen kommt westliche wissenschaftliche Redlichkeit eben nicht an. Als wir ihm aber versicherten, dass die strenge Beweislage f\u00fcr Gutenberg in fast allen Fragen sehr d\u00fcrftig sei, war er zufrieden. Somit konnte Gutenberg also ohne Probleme bei den Koreanern gewesen sein. Wir sind ja auch bei den Koreanern gelandet. Und wie !<\/p>\n<p>Wir haben ja gar nie daran gezweifelt, dass die Koreaner vor Gutenberg Einzel-Letter-Druck hatten. Doch mit deren Bronzelettern h\u00e4tte Gutenberg auf seiner pr\u00e4zisen Druckerpresse nie einen einzigen Druck hingekriegt, derart verschieden ist die H\u00f6he der einzelnen koreanischen, grob gegossenen Bronze-Buchstaben . . . Solches kann man nur mit hauchd\u00fcnnem Maulbeerbaumpapier abklatschen. Dummerweise sind Gutenbergs Setzlinge, die er ja vielleicht mitgenommen hat, im eurog\u00e4ischen Winter erfroren. Und er musste doch das europ\u00e4ische System erfinden. Sorry f\u00fcr meinen n\u00e4chtlichen Zynismus. <\/p>\n<p>Ein anderes spannendes Beispiel war ein kurzer Besuch am Stand des koreanischen Bronze-Schriftgiessers. Eine Frau ist da zust\u00e4ndig, aus Holzkl\u00f6tzlein die Buchstaben zu schnitzen, die dann in die Sandform gelegt werden. Sie hat uns aus einem Vorrat je eine wundersch\u00f6ne Letter mit einem grossen, hochkomplizierten Buchstaben hergerichtet und dazu noch je einen Holzbuchstaben. Wir haben uns sehr daf\u00fcr bedankt und dann f\u00fcr alle am Stand eines unserer Gutenberg-Sackmesser geholt. In der Zwischenzeit wurde auch der Giessermeister Lee, der gerade eine Pause am Schatten machte, geholt. Hans-Ueli hat dann noch gefragt, was seine Letter heisse. Herr Lee hat sie eine Weile angeschaut, dann den Kopf gesch\u00fcttelt, offenbar hiess das Zeichen etwas zu wenig positives, und hat sie wieder weggenommen. Er hat dann lange in seinem Sch\u00e4chtelchen gesucht, bis er etwas positiveres fand: Hans-Uelis seins zum Beispiel &#8222;Weg&#8220;. Das war dann gut, auch wenn&#8217;s graphisch viel, viel banaler war. Als Hans-Ueli noch nach einem ungeschnitzten Holzletter, wo erst die Vorzeichnung drauf war, fragte, ging das gar nicht, denn das ist ja noch gar kein Buchstabe, hat also auch noch keine geistige Bedeutung. Und ein Nichts kann man ja nicht jemandem schenken. Die geistige, realsymbolische Bedeutung ist eben wichtiger als der molekulare Gegenstand. Deshalb ist es auch kaum ein Problem, dass fast alle Museen mit einer grossen Anzahl von (sehr perfekten) Replikas vollgestopft sind.<\/p>\n<p>Nur beim Jikji-Buch muss es das molekulare Original sein: da reichen ihre Replicas nicht hin. Nun hat Frankreich offenbar k\u00fcrzlich beschlossen, dass das Buch gar nie mehr das Land verlassen d\u00fcrfe, auch nicht f\u00fcr eine andere (nicht-koreanische) Ausstellung im Ausland.<\/p>\n<p>Der Kampf des Koreanischen Staates geht \u00fcbrigens soweit, dass in allen wichtigen Landern der Welt ein Jikji-Botschafter (ein Ehrenposten) bestellt ist. Ziel klar. Kein Realsymbolismus.<\/p>\n<p>Der Organisationschef des ganzen Festivals (knapp \u00fcber 30 !) lud uns dann noch zum Znacht in einem einfachen koreanischen Restaurant ein. Schmeckte ausgezeichnet. Der R\u00fccken schmerzte infolge verrenkten Schneidersitzes (schliesslich wollte man ja das weisse Hemd nicht mit Chilisauce vollkleckern) ebenso kr\u00e4ftig. Und unser Dolmetscher Rayan fuhrte uns noch durch die wichtigste Einkaufsstrasse der Stadt. Konsumhorror pur. Wo das hinf\u00fchrt ?<\/p>\n<p>PS: Strom kam \u00fcbrigens am Nachmittag pl\u00f6tzlich: wir vermuten, dass jemand vergessen hat, das Verl\u00e4ngerungskabel im Museum einzustecken. Einen Bildschirm f\u00fcr die Projektion unserer tollen Videos haben wir immer noch nicht. Wurde auf morgen versprochen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211704.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211704.jpg\" alt=\"20120920-211704.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211727.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211727.jpg\" alt=\"20120920-211727.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211752.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211752.jpg\" alt=\"20120920-211752.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211819.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211819.jpg\" alt=\"20120920-211819.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211918.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-211918.jpg\" alt=\"20120920-211918.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-212031.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-212031.jpg\" alt=\"20120920-212031.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-212105.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-212105.jpg\" alt=\"20120920-212105.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-212123.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/beathis.ch\/parnassia\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/20120920-212123.jpg\" alt=\"20120920-212123.jpg\" class=\"alignnone size-full\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute war unser erster richtiger Arbeitstag. 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